Paola Calvetti präsentiert ihren zweiten Roman - "L'addio" (Rizzoli) - die perfekte
Fortsetzung ihres ersten Romans "L'amore segreto". Best Seller und schriftstellerische
Entdeckung des Jahres 1999. Das sich immer wiederholende Aufeinandertreffen
der Leben dreier Frauen ,im laufe der Jahre, eingetaucht in wunderbare Atmosphären
wie klassische Lieder.
Woher kommt die Inspiration für diesen zweiten Roman?
Es handelt sich um die Fortsetzung meines ersten Romans. Vom Leben abgeguckt,
wie alle meine Sachen.
Wie viel von diesem Buch ist autobiographisch?
Vieles, vor allem was die Orte und die Wichtigkeit der Musik angeht. Es gibt
viele Dinge im Buch die ich nicht erlebt habe, aber wie alles das man schreibt,
ein grosser Teil ist autobiographisch.
Mir hat es gefallen, wie sie das Thema des Todes angesprochen haben. Auf
eine vielseitige und abwechselungsreiche Art und Weise: es scheint ,dass das
ganze Leben sich im Tod wiederspiegelt. Der Tod ist ein Ort der Erinnerung,
aber auch eine Erhebung der Gefühle, oder ein Versteck für Lügen...
Ich denke oft an den Tod; weniger an meinen, der mir keine Angst macht. Der
Tod hat mich schon öfters berührt, das heisst, ich habe fast meine ganze Familie
verloren. Es handelt sich also um ein Argument, das ich unmöglich nicht hätte
berühren können. Ausserdem habe ich eine schreckliche Leidenschaft für Friedhöfe.
Es handelt sich dabei aber nicht um eine nekrophile Passion. Friedhöfe haben
wunderbare Parks. Ich erinnere mich an einen jüdischen Friedhof, in Jerusalem,
wo Schiller begraben ist, der ganz anders ist als die unseren: dort findet man
ganz einfache Gräber, nur mit Steinen gekennzeichnet. Oder die bretonischen
Friedhöfe, direkt am Meer, die Gräber sind leer, da sie zu auf dem Meer gestorbenen
Seemännern gehören. Ein Friedhof ist für mich kein trauriger Ort, sondern ein
Ort des Friedens, der Meditation. Auf einem Friedhof wie Père-Lachaise, von
dem ich behaupte er sei der zweite Park von Paris, ist ein fantastischer Ort,
vor allem wegen der Natur die dich dort umgibt.
Ihre Prosa ist so musikalisch, mit gut überlegten und rythmischen Pausen.
Dieser Stil ist instinktiv: ich eliminiere die Wiederholungen, schleife etwas,
aber was ich schreibe kommt einfach so, ohne nachzudenken, ich denke nicht viel
darüber nach. Sicherlich findet man meine Lektüren und meine Leidenschaften
darin wieder, was aber nicht gewollt ist.
Welche literarischen Modelle inspirieren Sie?
Da sind die ganz grossen, die auf dem Olymp sind, wie Proust, der für mich der
allergrösste ist: für mich, mein Leben und meine Seele. Ausserdem die anderen
französischen Autoren, Colette, den ich wegen seiner Ironie, die ich nicht habe,
liebe. Bei mir geht es nach Zeiträumen. Ich entscheide: alle Russen zu lesen.
Es gibt viele gute Bücher zu lesen. Ich lese wenige gegenwärtige Schriftsteller,
auch wenn mir Gianni Riotta sehr gut gefällt, von den ausländischen Autoren
mag ich Robert Schneider. Ich lebe aber von Leidenschaften. Manchmal mache ich
Versuche: ich habe Citati gelesen, dann habe ich es mit Jane Austen versucht,
aber sie langweilt mich zu sehr. Dann höre ich auf: es gibt so viel zu lesen
,das es ein Schade wäre Zeit zu verlieren. Ich mag keine Abenteuerbücher oder
Krimis. Mir gefallen Bücher in denen man über die Leute redet, über Gefühle,
nicht nur die Liebe. Ich schliesse Krimis, Abenteuer und spy stories aus, alles
andere redet in der Literatur von Liebe, von Gefühlen.
Bietet Mailand der Kultur noch genügend Platz an?
Absolut nicht. Mailand ist eine Provinzstadt, und sie wird es immer mehr . Die
Lebensqualität ist schlecht und was die Kultur angeht handelt es sich um eine
Stadt der dritten Welt. Die grossen Ausstellungen werden nicht hier gemacht,
und die grossen Opern sind auch nicht her. Die Scala ist mittlerweile kein wichtiger
kultureller Ort mehr. Das "Piccolo Teatro" hält noch durch aber nur weil Strehler
dort war und andere grosse Persönlichkeiten. Mailand ist als Stadt Tod, es gibt
hier nichts mehr. In Paris kann man eine Off-Off Vorstellung besuchen, oder
in die Oper gehen, und man hat keine Probleme. London hat einen anderen Typ
von Leben, aber was Ausstellungen und Architektur angeht ist sie unschlagbar.
Ich bin überhaupt nicht pessimistisch aber ich sehe Mailand als eine verlorene
Stadt. Es gibt keine Möglichkeiten für junge Leute, die Stadt wird wie ein grosses
Hochhaus geleitet... Wir müssen kämpfen.
Kann Internet helfen die Distanzen zu verringern und Kunst und Kultur zu
verbreiten?
Meiner Meinung nach funktioniert das Netz was den Service angeht sehr gut, auch
die Kultur ist ein Service. Man muss noch an der Geschwindigkeit und an den
Suchmaschinen arbeiten, ausserdem schliessen viele Seiten: "Zivago" musste schliessen
weil man sich zwischen den Aktionären nicht einigen konnte. Feltrinelli hat
Internet verlassen... Es gibt wunderbare Internetseiten, aber das grosse Risiko
ist schliessen zu müssen, der fehlende Kontakt zwischen Menschen. Die Kommunikation
wird immer weniger, immer virtueller. Es ist aber auch wahr, das Internet wahnsinnige
Möglichkeiten bietet, man kann zum Beispiel virtuelle Museen besuchen. Internet
stimuliert, wenn man es aktiv und nicht passiv nutzt. Es handelt sich um eine
fantastische Erfindung die ausserdem noch einfach zu nutzen ist.
Woher kommt ihr Verhältnis zur Musik?
Ich habe mich in einen Musiker verliebt, darum habe ich mich auch in die Musik
verliebt. Ausserdem habe ich das grosse Glück gehabt in der Scala zu arbeiten,
wo du jeden Tag mit der Musik in Kontakt kommst. Diese Liebe hatte ich von kleinauf,
und als ich dann eine Person geliebt habe, die Musik macht, habe ich angefangen
die Musik noch mehr zu lieben. Es ist immer Liebe die Liebe wachsen lässt. Es
gibt immer einen tiefen Grund, eine tiefe Leidenschaft oder einen vitalen Impuls
der Liebe erzeugt. Die Leidenschaft für Dinge oder Arbeiten kommt immer aus
der Tiefe. Auch für die rationellsten Personen kommen die grossen Leidenschaften
immer aus dem Leben.
Ist es in unserer Zeit immer noch möglich grosse Leidenschaften zu erzeugen?
Wenn man die Warheit ueber eine geliebte Person oder Sache entdeckt muss man
sie nicht verlassen sondern endlich ehrlich mit sich selbst sein. Die Ehrlichkeit
sich selbst gegenüber verlangt einen unbeschreiblichen Mut, den nur wenige haben.
Es handelt sich um einen Mut der nichts mit Angst zu tun hat, es handelt sich
viel mehr um den Mut zu existieren.